Sechs Jahre nach dem “Citybahn-Nein” wird in Wiesbaden weiter gebaut und gestaut. Viele weitere Jahre des Umbaus stehen bevor – doch ein deutlich leistungsfähigerer öffentlicher Nahverkehr ist weiterhin nicht in Sicht.
Wiesbaden, 1. November 2026. Sechs Jahre nach dem „Nein“ zum Projekt Citybahn prägen Baustellen und Verkehrsbehinderungen weiterhin Wiesbaden. Auch in den kommenden Jahren müssen Kanäle saniert, Fernwärmeleitungen verlegt, Wasseranschlüsse erneuert, Glasfasernetze ausgebaut und Straßen instand gesetzt werden.
Die Baustellen sind trotzdem gekommen. Dabei gehörten die mit dem Bau verbundenen Verkehrsbehinderungen zu den zentralen Argumenten gegen die Citybahn. Heute zeigt sich: Die notwendigen Bauarbeiten sind trotz des “Nein” nicht ausgeblieben. Die Chance, diese ohnehin erforderlichen Infrastrukturarbeiten mit dem Aufbau eines leistungsfähigeren und in hohem Umfang förderfähigen öffentlichen Verkehrssystems zu verbinden, wurde jedoch vertan.
“Probleme lassen sich nicht wegstimmen, nur deren Lösungen. Wenn ohnehin über viele Jahre gebaut werden muss, sollte Wiesbaden diese Arbeiten mit einer langfristigen Verbesserung des öffentlichen Verkehrs verbinden“ sagt Alexander Mehring, 1. Vorsitzender von Wiesbaden neu bewegen e.V.
Das bestehende Bussystem stößt auf stark belasteten Achsen an Grenzen. Gleichzeitig ist bei den derzeit diskutierten Projekten keine kurzfristige Lösung für deutlich höhere innerstädtische Beförderungskapazitäten erkennbar:
- Straßenbahn: Mit der Citybahn ist der dritte Anlauf zur Wiedereinführung eines innerstädtischen Schienenverkehrs seit der Jahrtausendwende gescheitert.
- Aartalbahn und Wallauer Spange: Beide Projekte schaffen wichtige regionale Verbindungen – kommen jedoch erst in den 2030er Jahren und lösen nicht die innerstädtische Kapazitätsfrage.
- E-Busse: Verbessern die Umweltbilanz, erhöhen allein jedoch nicht die Beförderungskapazität. Zudem droht im derzeitigen Bundeshaushaltsentwurf eine deutliche Kürzung der E-Bus-Förderung.
Das neue Busnetz ab Herbst 2027 begrüßen wir ausdrücklich. Es soll mehr aus der bestehenden Infrastruktur herausholen. Höhere Kapazitäten, wie sie mit dem ‚Zielnetz‘ geplant sind, erfordern jedoch zusätzliche Fahrzeuge (u.a. auch Doppelgelenkbusse), Infrastruktur (zweiter Betriebshof) und erhebliche zusätzliche Investitionen. Und: Anders als beim Bau einer Straßenbahn können dabei nicht sämtliche zentralen Kostenbestandteile von vergleichbar hohen Förderungen profitieren.
Sechs Jahre nach dem Bürgerentscheid ist es Zeit, die heutige Lage neu zu bewerten und die Straßenbahn wieder als ernsthafte Option für Wiesbaden zu betrachten. Nicht aus Nostalgie, sondern weil Wiesbaden ohnehin noch viele Jahre bauen muss und diese Chance für die Stadt nutzen sollte, um am Ende mit einem leistungsfähigeren Mobilitätssystem dazustehen.
Über Wiesbaden neu bewegen e.V.:
Der Verein Wiesbaden neu bewegen e.V. ging im Frühjahr 2021 aus dem “Bürger Pro CityBahn e.V.” hervor. Hier engagieren sich Menschen aus Wiesbaden und Umgebung für die Verkehrswende, eine gerechtere Verteilung des öffentlichen Verkehrsraums sowie einen nachhaltigen Ausbau des Fuß-, Rad- und besonders des öffentlichen Nahverkehrs in unserer Stadt und der Region.
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