Unser Beitrag / Konstruktive Vorschläge / Ausblick auf die Zukunft für die Stadt

Wir wollen die Öffentlichkeit für eine menschenfreundliche Mobilität in der Stadt sensibilisieren. Zu oft wird die Belastung durch den motorisierten Individualverkehr achselzuckend hingenommen. Wir sind der Überzeugung, dass die viel beschworene Verkehrswende in den Köpfen der Menschen beginnen muss. Dazu planen wir ab Dezember 2021 wieder regelmäßige Infostände im Stadtgebiet und werden dabei auch Unterschriften für unserem Vereinszweck nahestehende Initiativen sammeln, wie z.B. die Kampagne des „Bündnis Verkehrswende“ für ein Volksbegehren in Hessen zur Einführung eines „Verkehrswendegesetzes“.

In unseren Arbeitsgruppen zu Schiene, Bus, Auto sowie Fuß & Rad beschäftigen wir uns mit den Problemen in Wiesbaden und erarbeiten Lösungsansätze. Wir begleiten den Verkehrsdiskurs in Politik, Medien und Wirtschaft kritisch und nehmen am politischen und gesellschaftlichen Dialog teil. Dabei greifen wir auf unsere Kenntnisse und Erfahrungen aus der Auseinandersetzung um die Citybahn zurück, die nach wie vor relevant und gefragt sind.

Zu einem konkreten Aktionstag haben wir beispielsweise am 21. November 2021 alle Vereinsmitglieder und Interessierten eingeladen: Wir haben damit begonnen, die Gehwegbreiten in zwei Wiesbadener Bezirken zu vermessen, um den Ist-Zustand der Situation für Fußgänger:innen im Stadtgebiet zu kartieren. Offenbar hat auch die Stadt Wiesbaden das Problem erkannt und ambitioniert kundgetan, dass Wiesbaden „Fußgängerstadt Nr. 1“ werden soll. Wie bei Radfahrer:innen auch, muss für dieses Ziel aber die entsprechende einladende Infrastruktur vorhanden sein. Auch hierfür wollen wir uns einsetzen und die Politik unterstützend, aber auch kritisch begleiten.

Zentrales Anliegen unserer Vereinsarbeit jedoch bleibt unsere Forderung nach einer umgehenden Wiederbelebung des Straßenbahnkonzepts für einen modernen Nahverkehr in Wiesbaden, sobald dies nach Ablauf der gebotenen Frist von insgesamt drei Jahren nach dem Bürgerentscheid wieder möglich ist. Dabei müssen aus Fehlern Konsequenzen gezogen werden: Planung und Kommunikation sind von Beginn an im Einvernehmen mit der Bürgerschaft und den Anwohner:innen anzugehen. Wir glauben, dass an einem schienengebundenen, modernen Nahverkehr in Wiesbaden kein Weg vorbeiführt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Straßenbahn politisch wieder diskutiert wird – und sind der Auffassung, dass ein Bürgerentscheid für ein Infrastrukturprojekt dieser Dimension künftig nicht der richtige Weg ist.

Daneben fordern wir den Ausbau sowie eine Taktverdichtung auf der Ländchesbahn. Dies haben wir bereits mit unserem Einspruch im noch laufenden Planfeststellungsverfahren zum Haltepunkt Erbenheim bekräftigt. Auch die jüngsten Ideen zu einem Halt der Ländchesbahn und anderer Linien an der Mainzer Straße begrüßen wir. Um den Verkehr in Wiesbaden nicht noch weiter zu belasten, muss eine Schienenanbindung bei allen Planungen zum Ostfeld zwingend mitgedacht werden. Ebenfalls sind weitere Busspuren und Radwege notwendig. Ziel muss sein, den Menschen mehr verlässliche und sichere Alternativen zum Auto in Wiesbaden zu bieten. Wiesbaden neu bewegen e.V. unterstützt alle Vorhaben, die die Mobilität weg von Stau, Lärm und Unfallgefahr, hin zu einem lebenswerten Miteinander bewegen.

Immer wieder flammen auch Diskussion über ein 365-Euro-Jahresticket auf, variierend entweder für das gesamte RMV-Gebiet oder im Stadtbereich wie z.B. in Frankfurt oder in Wiesbaden/Mainz. Grundsätzlich unterstützen wir solche Initiativen, da diese die „Einstiegshürde“ für Menschen zur Nutzung des ÖPNV verringern. Gleichzeitig mahnen wir an, dass ein Anstieg der ÖPNV-Nutzung durch ein 365-Euro-Ticket nur dann von Dauer ist, wenn bereits zuvor Kapazitäten und Attraktivität des Angebots erhöht wurden, da die Menschen ansonsten von einem dauerhaften Umstieg abgehalten werden. Häufige technische Defekte, Streiks, Sperrungen, zu geringe Taktungen und nicht abgestimmte Fahrpläne fürs Umsteigen tragen nicht dazu bei, den ÖPNV als attraktives und vor allem verlässliches Transportmedium, zum Beispiel für den Arbeitsweg, zu betrachten.

Andere Vorhaben wie die Reaktivierung der Aartalbahn sind durchaus erwägens- und wünschenswert, lösen aber nicht das grundsätzliche Problem der Landeshauptstadt: Es gilt, Fahrgäste in wachsender Zahl schnell, bequem, ökologisch und klimafreundlich mit gleichem oder niedrigerem Personalbedarf durch Wiesbadens Stadtzentrum und ins Umland zu bewegen, und damit den Umstieg von der Autofixierung zu erleichtern. In beinahe allen anderen Großstädten Deutschlands ist das längst Wirklichkeit.

Wir wünschen uns mehr Radwege für die Stadt. Die Pop-up-Aktion im Juni 2021 (https://wiesbaden-neu-bewegen.de/publ-03-juni-2021/) hat uns gezeigt, dass neue, sicherere Infrastruktur für Fahrradfahrer:innen durchaus positiv angenommen wird. Wir sind sicher: Je mehr gute Angebote die Stadt für das Rad macht, desto häufiger werden Menschen für kurze und mittlere Strecken bis fünf Kilometer aufs Zweirad ausweichen. Um bestehende Radwege sicherer zu machen, fordern wir eine schärfere Verfolgung von Falschparker:innen (Bußgelder und schnelleres Abschleppen) bzw. eine höhere Präsenz der Stadtpolizei, sodass Autofahrer:innen gar nicht erst dazu verleitet sind, in zweiter Reihe oder in Kurven zu parken.

Auch die Ampelschaltungen in Wiesbaden sind derzeit sehr auf Autobedürfnisse fixiert. Hier fordern wir eine Optimierung für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen, beispielsweise sollte es Fußgänger:innen möglich sein, eine Straße „in einem Rutsch“ zu überqueren – und nicht minutenlang auf der Verkehrsinsel im tosenden Verkehr darauf warten müssen, bis die zweite Ampel zur anderen Seite endlich grün wird. Dies ist beispielsweise an der Ampel zwischen Bahnhofsvorplatz und Reisinger-Anlagen, sowie auf der Schwalbacher Straße vor dem Luisenforum und am Platz der Deutschen Einheit der Fall.

Was Bushaltestellen betrifft, wäre eine einheitliche, besser erkenn- und nachvollziehbare Ausschilderung wünschenswert – und zwar überall dort, wo es mehr als zwei gegenüberliegende Haltestellen gibt, etwa am Platz der Deutschen Einheit oder am Hauptbahnhof. Aus unserer Sicht wäre das eine schnelle und kostengünstige Maßnahme zur Attraktivitätssteigerung im Busverkehr. Ebenfalls sollte man der Kleinstaaterei der Ortsbeiräte entgegentreten und unterschiedliche Benennungen des geographisch selben Haltepunkts, abhängig von Straßenseite (und Ortsbeirat) vermeiden, wie z.B. an der Drei-Weiden-/Eltviller Straße oder an Luisenplatz bzw. Kirchgasse). Auch gehören längst antiquierte Begriffe, wie z.B. „Städtische Kliniken“ aus Fahrplänen und Aushängen gestrichen. Insgesamt wünschen wir uns, dass die Nutzung des ÖPNV deutlich intuitiver wird. Eine Umbenennung der Buslinien ist seit Langem überfällig. So wurden manche Buslinien ursprünglich als Expresslinien eingeführt, mussten aber – nach Beschwerden – die Anzahl ihrer Halte erhöhen, sodass anhand der Liniennummer nicht mehr erkennbar ist, welche Linie eine Expresslinie ist. Wir schlagen hierfür, wie bei der Bahn, ein System aus Buchstaben und Ziffern vor. Auch sollten Buslinien, die einen attraktiven Takt aufweisen (z.B. alle zehn Minuten oder öfter), besser als solche erkennbar sein und sich von den seltener fahrenden Linien abheben – beispielsweise durch ein „M“ vor der Liniennummer.

Auch sollte die schnelle und damit attraktive ÖPNV-Anbindung der Vororte an das Wiesbadener Stadtzentrum höher priorisiert werden. Hierfür wären mehr Expresslinien, die z.B. nur ein bis zweimal pro Stadtteil halten, sinnvoll, um attraktive Fahrzeiten von Vororten wie Nordenstadt oder Auringen in die Innenstadt zu erreichen. Eine weitere Feinverteilung ließe sich über die übrigen Linien, Rufbusse, Taxis, Leihräder, P+R Flächen für Autos und Rad-Abstellplätze erreichen.

Als Verein mit mehr als 100 Mitgliedern sind wir ausschließlich ehrenamtlich in unserer Freizeit aktiv und können die Entwicklung gänzlich neuer, detaillierter Verkehrs- und Mobilitätskonzepte aus Zeitgründen nicht leisten. Vielmehr sehen wir uns als Impulsgeber und Faktenchecker für Stadtpolitik, Behörden und Öffentlichkeit, mit denen wir zugleich in engem Austausch stehen.

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