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Zwei Jahre nach dem Citybahn-Aus: Und wir brauchen die Straßenbahn doch!

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Leider keine Tram für Wiesbaden: Das negative Votum zum Projekt Citybahn liegt nun genau zwei Jahre zurück. Zum ersten Jahrestag in 2021 haben wir ein erstes, verhaltenes Fazit in einer Artikelreihe gezogen. 365 Tage danach haben sich die Befürchtungen bestätigt: Die Situation für die Nutzerinnen und Nutzer des ÖPNV in Wiesbaden ist schlimmer denn je. Statt nach Alternativen aus dem Verkehrschaos Ausschau zu halten, wie ursprünglich angekündigt, sind einstige Citybahn-Gegner:innen und Stadtpolitiker:innen in weitgehend passive Lethargie zurückgesunken.

Fehlendes Fahrpersonal, überfüllte Busse

Busfahrerinnen und Busfahrer fehlten in Wiesbaden schon vor zwei Jahren. Inzwischen ist die Lage jedoch so prekär wie nie: Wegen akuten Personalmangels bei der ESWE fahren die Busse seit dem Ende der Sommerferien 2022 nach reduziertem Fahrplan. Und niemand weiß, wie lange das so weitergeht. Das Ergebnis: heillos überfüllte, verspätete Busse und gefrustete Fahrgäste. Von einem attraktiven Nahverkehr, der zum Umstieg vom Auto animiert, kann keine Rede sein. Für eine Landeshauptstadt mit knapp 300.000 Einwohner:innen ist das mehr als peinlich. 

Dabei kommt diese Entwicklung keineswegs überraschend: Dass der Landkreis Mainz-Bingen Busfahrerinnen und Busfahrer aus Wiesbaden massiv umwerben und abwerben würde, war abzusehen. Wir warnten als Verein bereits 2021 davor. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie gefragte Fachkräfte, an denen es deutschlandweit mangelt. Dies dürfte sich in den kommenden Jahren kaum ändern – auch nicht in Wiesbaden. 2021 hatte bereits die demolierte Salzbachtalbrücke für einen anhaltenden Ausnahmezustand im ÖPNV gesorgt. 

Inzwischen zeigt sich mehr als deutlich: Wiesbaden wäre mit einem „Ja“ zur Citybahn in vieler Hinsicht besser gefahren: Straßenbahnen fassen erheblich mehr Passagiere als Busse. Der Bedarf an Fahrpersonal ist daher bis zu einem Viertel niedriger. Das macht die Schiene robuster gegenüber Lücken im Personalplan. 

Und das ist nicht der einzige Grund, warum wir eine Straßenbahn für eine Großstadt wie Wiesbaden für unabdingbar halten.

Der simple Slogan „Busse statt Citybahn“ der Projekt-Gegner:innen griff schon zum Zeitpunkt der Abstimmung zu kurz. Heute, zwei Jahre danach, sollten eigentlich auch die entschiedensten Citybahn-Gegner die Sinnlosigkeit einer solchen Forderung erkannt haben. Mehr Busse: das geht einfach nicht mehr – deutlich sichtbar an den Rückstaus vor Innenstadthaltestellen. Außerdem sind die FahrerInnen knapp.  Die Alleebäume übrigens, denen damals die große Fürsorge der CityBahn-Gegner galt, leiden auch ohne Verkehrswende. Sie verdursten in der anhaltenden Trockenheit, die nicht zuletzt durch den Klimawandel verursacht wird.

Ja zur Reaktivierung der Aartalbahn!

In Wiesbaden fehlt es auf wichtigen Strecken nach wie vor an separaten Busspuren. Das geht zulasten des ÖPNV: Wer lässt schon das klimaschädliche Auto stehen und nimmt den Bus, wenn er oder sie am Ende doch im Stau steht? Das Busnetz muss deutlich einladender werden, wenn mehr Menschen langfristig umsteigen sollen – etwa, indem man schlicht schneller vorankommt als mit anderen Verkehrsmitteln. Warum gibt es bis heute keine Busspur auf ganzer Länge in der Dotzheimer Straße? Warum gibt es keine Busspur auf dem 1. Ring zwischen Hauptbahnhof und Brita-Arena? Warum gibt es keine dauerhaft ausgewiesene Busspur auf der Biebricher Allee und im Kern von Biebrich?

Wir begrüßen, dass die Reaktivierung der Aartalbahn auf der politischen Agenda steht. Die Strecke hat das Potential, Pendlerinnen und Pendler aus dem Taunus von der Straße zu holen und damit die Überlastung des Straßennetzes in Wiesbaden zu mindern. Davon sind wir überzeugt. Ganz klar: Wir sind pro Aartalbahn!  Aber die Diskussion um die Reaktivierung der Strecke darf und kann unserer Meinung nach nicht die Diskussion um den Ausbau des innerstädtischen Nahverkehrsnetzes in Wiesbaden ersetzen. Und dafür gibt es nur zwei Möglichkeiten (Link: Alternativen zur Straßenbahn): ein Bus-Rapid-Transit-System (zur Frage „Was ist ein BRT?“ siehe Infobox untenan) oder eine Straßenbahn.

Doch statt sich am eigenen, mit viel Aufwand und Input von Bürgerinnen und Bürgern entwickelten Mobilitätsleitbild (Link: Moblitätsleitbild Wiesbaden), zu orientieren,  gibt es auch zwei Jahre nach dem Stopp in der Sackgasse einer gescheiterten Verkehrsentwicklung keinen klaren Plan seitens Verwaltung oder Politik, wie es nun weitergehen soll.

BRT | Bus Rapid Transit-System – Was ist das?

Bus Rapit Transit-Systeme (BRT) sind speziell ausgebaute Bussysteme. Mit einem klassischen BRT ließe sich gegenüber dem heutigen Bussystem die Leistungsfähigkeit weiter steigern, indem Kapazität oder Geschwindigkeit (oder beides) der Busse erhöht werden. Das heißt in der Regel: Einsatz größerer Fahrzeuge (Gelenkbusse/Doppelgelenkbusse), die bauliche Trennung der Bustrasse von allen (!) anderen Verkehrsteilnehmern und meist auch spezielle Haltestellen, um in kurzer Zeit vielen Fahrgästen den Ein-/Ausstieg zu ermöglichen.
Weitere Infos:
https://procitybahn.de/brt-infrastruktur/
https://procitybahn.de/alternativen-zur-strassenbahn/

Auch haben die Verantwortlichen bis heute keine Analyse des Wahlergebnisses oder eine Bürgerbefragung vorgenommen, um die genauen Gründe des negativen Votums zu beleuchten. Dies bedauern wir sehr. Denn die Menschen, die am 1. November 2020 mit „Nein“ gestimmt hatten, haben dies sicherlich aus verschiedenen Gründen getan. In einigen persönlichen Gesprächen haben wir erfahren, dass bisweilen sogar jene „Nein“ sagten, die sich grundsätzlich ein Straßenbahnsystem für Wiesbaden vorstellen könnten, weil sie aber die konkrete Streckenführung oder den begrenzten Umfang ablehnten. Für andere war es eine Protestwahl gegen ein angeblich „von oben vorgegebenes“ Projekt. Auch gibt es Menschen, deren negatives Votum auf Falschaussagen der Gegner:innen des Projekts („Dieser Baum wird sterben“-Plakate auf der Biebricher Allee) (mehr zu diesen Falschaussagen hier: Link 1, Link 2, Link 3) basierte. 

Augenscheinlich konnte die Kommunikation rund um das Projekt den Menschen nicht vermitteln, dass a) weitere Linien in Planung gewesen wären (Link: Netz) und b) dass das freiwerdende  Fahrpersonal anderweitig für eine bessere ÖPNV-Anbindung der autolastigen Vororte, besonders im Osten, hätte sorgen können. Mit anderen Worten: Von einer Straßenbahn würde das gesamte Stadtgebiet profitieren!

Die Argumente für eine Straßenbahn sind so stark wie eh und je:

  • Angesichts des Fachkräftemangels: Straßenbahnen fassen deutlich mehr Fahrgäste als Busse, unabhängig von der Antriebsart – weniger Fahrpersonal nötig!
  • Gegen die Trockenheit im Hitzesommer: Straßenbahnen können auf Rasengleis fahren. Das sorgt für ein besseres Mikroklima und weniger Flächenversiegelung! (Link: Citybahn und Bäume)
  • Weniger Feinstaub: Straßenbahnräder sind aus Metall und verursachen geringeren Abrieb als Busse mit Gummireifen.
  • Umweltfreundlichkeit: Stromantrieb, ohne voluminöse Akkus direkt von der Oberleitung,  verursacht keine Emissionen und keinen Lärm. 
  • Blick nach vorn: Neue Wohngebiete wie das Ostfeld sind nur mit guter ÖPNV-Anbindung (insb. Tram) denkbar, andernfalls drohen noch mehr Autos und Stau in Wiesbaden und Umgebung!
  • Geringere Kosten: Gleise halten länger als Busspurbeläge und sind somit auf lange Sicht kostengünstiger. Der überwältigende Anteil der Kosten wird aus Landes- und Bundesmitteln getragen, die anderweitig ersatzlos in andere Städte fließen.
  • Mehr Platz: Eine Straßenbahn ist schmaler und beansprucht weniger Straßenraum als Busspuren oder BRT.
  • Geringere Lautstärke: Straßenbahnen sind, durch geringeren Rollwiderstand und elektrischen Antrieb, leiser als vergleichbare bereifte Fahrzeuge (BRT) (Link: Verkehrslärm)
  • Barrierefreiheit: Straßenbahnen bieten  für mobilitätseingeschränkte Menschen anders als Busse einen ebenerdigen, bequemen Zutritt.
  • Historismus: Der Großteil des Stadtkerns Wiesbadens wurde im 19. Jahrhundert für bzw. mit Straßenbahn gebaut – und eben nicht fürs Auto. (Link: Historisches Netz)

Wir fordern: Keine Denkverbote! Neuanlauf für eine Straßenbahn für Wiesbaden!

Wir setzen uns dafür ein, dass die Straßenbahn politisch wieder diskutiert wird – und sind der Auffassung, dass ein – auf eine kurze Ja/Nein Frage simplifizierender – Bürgerentscheid für ein Infrastrukturprojekt dieser Dimension einfach nicht der richtige Weg ist. Denn fünf Minuten Online-Recherche oder Lektüre eines (ggf. mit Falschinformationen gespickten) Flyers reichen zur Urteilsbildung nicht aus und stellen keine sinnige Entscheidungsgrundlage dar. Das soll nicht heißen, dass die Bürger keinen direkten Einfluss nehmen können sollen. Die Erfahrung zeigt, dass die Bereitschaft etwas abzulehnen – besonders wenn dies ohne Konsequenzen bleibt – meist höher ist als die Zustimmung zu zukunftsträchtigen Vorhaben, die aber zunächst Baustellen und Umleitungen bedeuten. Mit einem solchen Vorlauf hätte es ganz sicher auch nie eine Fußgängerzone, damals heftig umstritten, gegeben. 

Wir unterstützen vollends andere, bessere, differenziertere Formen der Partizipation. Wir sehen die Bürgerbeteiligung allerdings eher beim „Wie” (Straßenbahn vs BRT, Streckenverlauf, Berücksichtigung lokaler Besonderheiten und Spezialwissen) als beim „Ob”. Denn wofür haben wir eine repräsentative Demokratie, in der sich Volksvertreterinnen und Volksvertreter eingehend und lange mit einem Thema beschäftigen, Expertinnen und Experten anhören, Gutachten in Auftrag geben können etc. 

Um einem Totschlagargument zuvorzukommen: Ja, Demokratie heißt, Abstimmungsergebnisse anzuerkennen. Demokratie heißt aber auch, Vergangenes regelmäßig zu reflektieren  und Entscheidungen (z.B. bei der nächsten Wahl) anzupassen, wenn sich die Umstände geändert haben.

Wir haben uns in den letzten Jahren intensiv mit der Verkehrssituation in Wiesbaden auseinandergesetzt, uns angeschaut, wie es anderswo läuft, uns Fachwissen angeeignet und die Pros und Contras verschiedener Verkehrsmittel sowie die Argumente von Expertinnen und Experten studiert. Unser faktenbasiertes Urteil: Wiesbaden braucht eine Straßenbahn oder – als zweite Wahl – zumindest ein BRT-System (zur Frage „Was ist ein BRT?“ siehe Infobox weiter oben). Eine Straßenbahn ist jedoch das beste Mittel für den benötigten Ausbau des ÖPNV in Wiesbaden: Sie ist einem reinen Bussystem und einem BRT (weil weniger der Vorteile einer Tram zusammen mit mehr Nachteilen eines Bussystems) überlegen. Zentrales Anliegen unserer Vereinsarbeit ist daher die Forderung nach einer umgehenden Wiederbelebung des Straßenbahnkonzepts für einen modernen Nahverkehr in Wiesbaden, sobald dies nach Ablauf der gebotenen Frist von insgesamt drei Jahren nach dem Volksentscheid wieder möglich ist. Diese Frist endet 2023 – also bereits in einem Jahr. Dabei müssen wir aus Fehlern Konsequenzen ziehen, Planung und Kommunikation von Beginn an im Einvernehmen mit der Bürgerschaft und den Anwohnerinnen und Anwohnern angehen.

Begrüßenswerte Vorhaben wie die Wiederbelebung der Aartalbahn sind absolut richtig und wichtig, lösen aber nicht das grundsätzliche Problem der Landeshauptstadt: Es gilt, Fahrgäste in wachsender Zahl schnell, bequem, ökologisch und klimafreundlich mit gleichem oder niedrigerem Personalbedarf durch und in Wiesbadens Stadtzentrum und ins Umland zu bewegen, und damit den Fokus vom Auto wegzunehmen. In beinahe allen anderen Großstädten Deutschlands ist das längst Wirklichkeit. 

Wir fordern eine zielorientiertere Diskussion in Wiesbaden, wie der ÖPNV in Kapazität und Attraktivität deutlich gesteigert werden kann: Ohne Denkverbote (in Richtung Straßenbahn) und dem Rat von (echten) Experten folgend. Wir als Verein Wiesbaden neu bewegen e.V. glauben, dass an einem schienengebundenen und modernen Nahverkehr in Wiesbaden kein Weg vorbeiführt. 

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